Deflation - Und dann?

Zwei Monate nach den «Lockdowns» reibt sich die Welt die Augen und fragt sich, wie es weiter geht. Vor dem Hintergrund der massiven Interventionen von Notenbanken und Regierungen hat die Börse eine V-förmige Erholung erlebt, welche wohl wenige Auguren so vorausgesagt hätten. Die Börse scheint bereits sehr viel Gutes und sehr viel staatliche Interventionen in die Preise eingearbeitet zu haben.

 

Deflation

 

Die Welt hat einen simultanen Nachfrage- und Angebotsschock zu Friedenszeiten noch nie gesehenen Ausmasses erlebt. Als erstes werden in der kurzen Frist nun die deflationären, also preisniveau-senkenden Kräfte wirken. Einerseits werden sich aufgrund der erhöhten Unsicherheit viele Konsumenten und wohl auch Firmen zurückhaltend verhalten und sparen, was die generelle Nachfrage senkt. Dies wiederum führt in der Regel zu tieferen Preisen, weil die Anbieter so die Nachfrage stimulieren wollen. Es ist aufgrund von uns vorauslaufenden Daten aus Asien damit zu rechnen, dass der Konsum sich in den nächsten 3-6 Monaten auf bis zirka 70-80% erholen wird. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein um mindestens 20% tieferer Wert! Die Konjunktur ist stark von der Stimmung der Konsumenten abhängig. In den USA gehen rund 70% des BIP auf das Konto des Konsums. In der Schweiz bewegt sich dieser Wert mit 53% merklich tiefer, da der Export eine wichtigere Rolle einnimmt, als in Ländern mit einem grossen Binnenmarkt. Jedoch: Konsum und Export sind für die Konjunktur entscheidend, und beide werden in absehbarer Zukunft die Niveaus von vor der Krise kaum erreichen, da Covid-19 auch die Schwächen der global ausgereizten Lieferketten schonungslos offengelegt hat. Die Aufmerksamkeit der öffentlichen Hand gilt bis auf weiteres also der Verhinderung einer deflationären Spirale, bei welcher sich die Nachfragen in Erwartung von noch tieferen Preisen zurückhalten. 

 

Dann Inflation?

 

Die Inflation darf aber auch nicht aus den Augen verloren werden. Inflationäre Tendenzen werden wir in Zukunft nur schon deshalb haben, weil die Berechnung der Inflation ein an sich eher «technisches» Konstrukt ist und sich auf Vorjahreswerte bezieht. Bei starken wirtschaftlichen Einbrüchen hat jede Normalisierung des Konsums inflationäre Wirkung. Die Frage stellt sich nun allerdings, ob dies eine richtige Inflation oder lediglich das Aufrücken zu den alten Preisniveaus sein wird. Betrachtet man das makroökonomische Bild, wird die Inflation wohl nicht durch eine starke Nachfrage (sprich: Konsum und Investitionen) getrieben, sondern eher vom Angebot getrieben. Ein Grund sind die teureren Lieferketten und die damit verbundene De-Globalisierung. Es wird wieder mehr lokal produziert und konsumiert werden, was eher preistreibend wirken wird. Es ist zurzeit schwierig, sich ein Szenario auszumalen, in welchem die Inflation von der breiten Nachfrage aus kommen würde.

 

Im Bereich des Möglichen liegt durchaus auch eine «Stagflation». Das bedeutet: Eine wirtschaftliche Stagnation bei einem – allerdings nur leicht und wohl eher technisch bedingt – steigenden Preisniveau. Inflationsfördernde Effekte wie die De-Globalisierung vermögen die deflationären Effekte aber wohl kaum zu überkompensieren. 

 

Aus der Optik der Regierungen ist ein gewisses Mass an Inflation durchaus erwünscht, da damit die Schuldenlast sozusagen allmählich «weginflationiert» werden kann. Ob es gelingen wird, diese Inflation zu «produzieren», wie das beispielsweise die europäische Zentralbank EZB in den letzten 8 Jahren versucht hat, sei in Frage gestellt.

 

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass kurzfristig Deflation Grund zur Sorge bereiten muss. Mittelfristig kann sich Inflation einstellen, allerdings eher in Regionen oder Sektoren, welche schon vor der Corona-Krise am Wachsen waren. Wenn die Marktkräfte spielen – was in Anbetracht der zum Normalfall gewordenen staatlichen Interventionen keine selbstverständliche Annahme mehr ist - bedeutet dies fallende Kurse und steigende Zinsen an den Obligationenmärkten. In deflationären Phasen empfehlen wir das Halten von Obligationen, Gold und – selektiver als üblich – von Qualitätsaktien aus Branchen, welche mittelfristig und strukturell von der Technologisierung und durch die Corona-Krise ausgelösten Entwicklungen profitieren. Sollte die Inflation zurückkehren, ist eine Reduktion der Obligationen-Quote angezeigt, Gold wird profitieren und Qualitätsaktien aufgrund einer bei Inflation anziehenden Konjunktur ebenfalls. 

 

(Autor: Arno Grüter)

 

 

HINWEIS: Obiger Blogeintrag stellt keine allgemeine Anlageempfehlung dar. Ein Anlageentscheid sollte immer unter sorgfältiger Berücksichtigung der eigenen Risikoneigung und -fähigkeit gefällt werden. Wir helfen Ihnen gerne dabei. 

 

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