Krone richten und weitergehen

Wer hätte das gedacht. Plötzlich kann es schnell gehen. Anfang Jahr war die Welt noch in Ordnung. Es sah danach aus, dass die Weltkonjunktur nach einem relativ schwachen 2019 wieder etwas an Fahrt gewinnen könnte und die wie am Schnürchen nach oben gezogenen Aktienkurse in naher bis mittlerer Zukunft wieder durch eine entsprechende Gewinnentwicklung der Unternehmen gerechtfertigt sein würden. Wie so oft kommt es erstens anders, und zweitens, als man denkt.

 

Aus dem bis zirka Mitte Februar als isoliertes Ereignis wahrgenommenen Ausbruch des Corona-Virus ist ein veritabler Schock für die Weltwirtschaft entstanden. Als ob dies im Drehbuch noch nicht genug Dramatik versprochen hätte, brach nun am zweiten März-Wochenende noch ein Streit unter den erdölfördernden Ländern aus, was zu einem massiven Sturz des Ölpreises geführt hat. Man kommt nicht umhin, an das vielbesagte «Murphy’s Law» zu denken, welches besagt, dass alles, was schiefgehen kann, auch schiefgehen wird. 

 

Nachdem es Ende Februar noch schwierig war, zu sagen, was die Corona-Krise für die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte bedeuten würde, hat sich der Nebel in den letzten Tagen gelichtet und wir können das Ausmass und die Wirkung vorsichtig abschätzen. Bis Ende Februar 2020 konnte nichts die globalen Aktienmärkte nachhaltig erschüttern. Sämtliche sich abzeichnenden Unannehmlichkeiten wurden von den Investoren scheinbar mit einem Schulterzucken in den Wind geschlagen. Die Notenbanken hatten Anleger rund um den Globus so konditioniert, dass beim geringsten rauen Konjunkturlüftchen entweder die Geldschleusen geöffnet oder die Zinsen gesenkt würden. Die Investoren waren zufrieden, selbstzufrieden. Die Folge: Hoch verletzliche und an der Droge «Notenbank-Geld» süchtig gewordene Märkte. 

 

Der Corona-Virus ändert die Spielregeln nun völlig. Das Virus hat gleichzeitig einen Nachfrageschock («Schock 1»), also das Absacken der Nachfrage, und einen Angebotsschock («Schock 2»), der Ausfall des Angebotes an Gütern, ausgelöst. Eine höchst seltene, ja fast experimentelle volkswirtschaftliche Situation, welche in den Lehrbüchern eigentlich nicht vorkommt und sich wohl historisch wohl nur mit Kriegsausbrüchen vergleichen lässt. Der nun noch eskalierende Erdölstreit («Schock 3») scheint da fast wie das Tüpfelchen auf dem «i». Welche Auswirkungen haben diese drei verschachtelten Schocks?

 

Als erstes gilt es zu sagen: Die Erde dreht sich weiter. Jährlich sterben in der Schweiz rund 1’500 Leute an der das Land allwinterlich heimsuchenden «normalen» Grippe. Das «disruptive», also zerreissende Element bei der Corona-Krise ist die Ungewissheit über die Letalität (resp. die Mortalitätsrate) und den Umgang der Welt damit. Das Virus wird wohl bis auf weiteres nicht ausgerottet werden können. Also müssen wir damit zu leben lernen. Corona werden wir nicht mehr länger nur mit einem leichten Bier oder einer Pizzeria auf dem Land assoziieren. 

 

Der Nachfrageschock wird zweifelsohne gewisse Branchen in eine tiefe Krise stürzen. Überall wo Menschen sich ansammeln, kommt das Leben in den akuten Krisengebieten zum Erliegen. Tourismus, Veranstaltungen, aber auch viele Geschäftsprozesse: Diesen Branchen bricht die Nachfrage weg. Dieser Effekt ist vergleichbar mit dem Einbruch der Weltwirtschaft 2008, als von einem Tag auf den anderen Fabriken stillgelegt und Kurzarbeit eingeführt wurden. Beides sehen wir bereits in Teilen China oder Italiens. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach gewissen Medizinalgütern, nach Internetkapazität und gewissen lagerfähigen Nahrungsmitteln.

 

Zum Angebotsschock. Das Wegbrechen des Angebots an chinesischen Gütern wahr wohl einer der eigentlichen Augenöffner dieser Krise und hat bereits früh die westliche Industrie – zumindest teilweise – in Mitleidenschaft gezogen. Was ist die Erkenntnis aus dem Wegbrechen von Lieferketten?

 

Die Welt ist von China abhängig geworden. Die Risikomanager müssen die Firmenchefs davon überzeugen, dass in der Industrie gilt, was auch für ein gutes Portfolio gilt: Diversifikation senkt – selbstredend nicht umsonst – die Risiken. 

 

Der Ölpreisschock hat zusätzliche Unsicherheit, in die sonst schon sehr nervösen Märkte gebracht. Einerseits ist ein tieferer Ölpreis zwar – unter normalen Umständen – gut für die Wirtschaft, weil dadurch die Energiekosten sinken. Andererseits aber bedeutet es für die sonst schon geschwächte Erdölindustrie tiefere Absatzpreise und damit oft ein Operieren in der Verlustzone. 

 

Was bedeutet dieser «Triple-Schock» nun für ein Wertschriftenportfolio? Unsere offene Gesellschaft ist relativ verletzlich, aber der Mensch hält in der Not viel aus. Die Menschen werden lernen, mit dem Virus zu leben. Die Auswirkungen werden für die Weltwirtschaft tiefgreifend sein und eine globale Rezession ist wohl unausweichlich. Die Notenbanken sind nur beschränkt handlungsfähig, deshalb wird die Fiskalpolitik in die Bresche springen müssen. Eine grosse Unbekannte, welche zu zusätzlicher Vorsicht mahnt, ist die enorme Verschuldung, welche sich die Firmen rund um den Globus aufgrund des sehr günstigen Zinsumfeldes ausgebürdet haben. Spezielle in der Ölindustrie ist die Fremdfinanzierung hoch und würde es in der aktuellen Situation nicht überraschen, wenn via den Ölmarkt noch ein weitere negative Impulswelle den Obligationenmarkt, und damit den Finanzmarkt, treffen würde.

 

Wir sind bereits seit längerem vorsichtig positioniert und waren es auch beim Ausbruch der Krise. Wir wussten: Die Entwicklung an den Märkten war nicht mehr nachhaltig, eine Korrektur musste irgendwann kommen. Die Frage war nur, was der Auslöser sein würde. Nun wissen wir es. In Anbetracht der nach wie vor grossen Unsicherheit über die Tiefe und Dauer der Krise halten wir unser Pulver-Arsenal trocken und behalten unsere vorsichtige Positionierung. Sowohl bei Aktien als auch bei Obligationen ist nun Selektivität gefragt. Eine genaue Analyse des Portfolios ist angebracht. Es wird – wie bei jeder grösseren Korrektur – Titel geben, welche über Gebühr abgestraft wurden. Diese kann man getrost halten. Andere wiederum, werden länger brauchen, um sich zu erholen. Dritte wiederum – wie beispielsweise stark verschuldete Titel aus dem Energiebereich – werden zumindest in finanzielle Schwierigkeiten geraten.

 

Wir befinden uns mitten in einer den Globus umspannenden Krise. Was jetzt zu tun ist, hängt stark von der individuellen Situation des Anlegers ab. Gemäss unserer Einschätzung ist es noch zu früh, um jetzt strategisch wieder die Risiken im Portfolio auszubauen. In Anbetracht des fast lieblich klingenden Corona-Virus’ (Corona: italienisch für Krone) ist man versucht zu sagen: Die Krone richten und weitergehen. Wir tun, was wir zurzeit als die angebrachte Strategie verstehen: Die Situation mit dem Blick nach vorne gerichtet im Auge behalten.

 

(Autor: Arno Grüter) 

 

HINWEIS: Obiger Blogeintrag stellt keine allgemeine Anlageempfehlung dar. Ein Anlageentscheid sollte immer unter sorgfältiger Berücksichtigung der eigenen Risikoneigung und -fähigkeit gefällt werden. Wir helfen Ihnen gerne dabei.

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