Falsche Diagnose, falsche Medizin

 

Mitte September hat die Europäische Zentralbank EZB beschlossen, die Geldpolitik in der EU weiter zu lockern, weil die Wirtschaft in Europa aus ihrer Sicht weiter stimuliert werden kann. Aus unserer Sicht geht die Geldpolitik in der EU seit längerem in die falsche Richtung, denn es zeigt sich nicht erst seit diesem Jahr, dass die Wirtschaft auf dem alten Kontinent offenbar nicht oder nur sehr begrenzt auf Impulse der Geldmengen- und Zinssatzsteuerung reagiert. Nachdem es zu unserem Erstaunen aus Fachkreisen bislang wenig Gegenwehr zur Strategie der EZB gegeben hat, scheint der Wind nun etwas gedreht zu haben und es melden sich nicht mehr nur vereinzelte «Rufer in der Wüste» ablehnend zu Wort. Nach fast 10 Jahren Stimulus muss man in der EU konstatieren: Die lockere Geldpolitik (populär auch «Geldschwemme» genannt) mag die Wirtschaft im Nachgang zur Finanzkrise 2008/09 zwar stabilisiert, wohl aber nicht stimuliert haben. Das Wirtschaftswachstum verläuft anämisch (zu Deutsch: blutleer).

 

Aus meiner Sicht befindet sich die EZB aus zwei Gründen auf dem Holzweg. Der eine Grund betrifft das Ziel, der zweite die Diagnose und die damit verbundene Medizin.

 

Das Ziel – Die EZB orientiert sich bei ihrer Politik an einem vor rund 15 Jahren wie aus dem Nichts aufgetauchten Inflationsziel von 2% pro Jahr. Diese 2% habe keine fundierte Basis in Praxis oder Wissenschaft und wurden offenbar an einem Notenbank-Kongress vor allzu langer Zeit einmal vom ehemaligen Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke, in den Raum gestellt. Wie die Legende besagt, habe der Vater dieser Zahl sie aber nie als Ziel verstanden. Wie auch immer. Der EZB hat die Zahl immer als Leitlinie gedient – wie ich vermute nicht zuletzt auch mangels Alternativen in einem sich im Umbruch befindenden Umfeld der Finanz- und Kapitalmärkte. Die Ausrichtung am 2%-Ziel hat die EZB viel zu expansiv werden lassen.

 

Die Diagnose und die Medizin

 

Betrachtet man das Geschehen in Europa aus grosser Distanz, durchlief unser Kontinent in den vergangenen 10 Jahren einen Prozess, welcher der japanische Ökonom Richard Koo als «Bilanzrezession» bezeichnet. Koos These spreche ich eine hohe Plausibilität zu. Er hat den Aufstieg und Fall der japanischen Wirtschaft in den 1980-er und 1990-er Jahren analysiert und ist zum Schluss gekommen, dass Länder oder Regionen sich nach einem Überschwang in eine Bilanzrezession hinein manövrieren, in welcher die Gewinne von Firmen und Privaten dazu verwendet werden, nicht weitere Investitionen zu tätigen, sondern Schulden zurückzuzahlen. In einem solchen Umfeld kann sogar das bereits in den Köpfen gewisser «Experten» herumgeisternde «Helikopter-Geld» an alle Bürger verteilt werden – sie werden die zusätzlichen Einnahmen zur Tilgung von Schulden und der Sanierung der Bilanz verwenden und nicht in die Produktivität steigernde Projekte investieren. Aus meiner Sicht befindet sich Europa in genau einer solchen Situation, welche wirtschaftlich und demographisch stark an den Prozess erinnert, welcher Japan durchläuft. Sollte es in Europa tatsächlich zu einer «Japanisierung» kommen, kann man für die Entwicklung in Wirtschaft, Gesellschaft und natürlich auch an den Finanzmärkten das ehemalige asiatische «Powerhouse» Japan zur Orientierung nehmen.

 

Für die Investoren bedeutet dies nicht grundsätzlich etwas Schlechtes. Die Quintessenz wird einfach sein, dass fortan an den Märkten etwas kleinere Brötchen gebacken werden (müssen), weil das Zinsniveau tief bleiben und die Firmen mit Investitionen zurückhaltend sein werden.

 

Was Europa anstelle von zusätzlichem Stimulus nun tatsächlich bräuchte sind Innovationen, offene, freiheitlich gestaltete Märkte und gut ausgebildete Arbeitskräfte. Eine weitere Lockerung der Geldpolitik verzerrt die Märkte nur noch mehr. 

 

(Autor: Arno Grüter, 09.2019)

Kommentar schreiben

Kommentare: 0